Fremde, von weit her klingende Sirenengesänge sind das Thema der
ersten Einzelausstellung von Nicole Bianchet in der Berliner Galerie
Michael Haas. Sie zeigt große auf Holz gemalte Landschaftsbilder und
kleine figurative Arbeiten auf gerissenem Karton. Bilder und Klänge,
Kunst und Musik greifen bei Bianchet ineinander.
Die 1975 in Los Angeles geborene und in Berlin lebende Künstlerin
bemalt nicht, sie bearbeitet ihre Bilder. Mit dem Cutter ritzt und
kratzt sie in das Holz, schält und verletzt den Untergrund, färbt die
Verletzungen wieder ein, als würde sie die Narben heilen. Bianchet
dazu: „Ich versuche dabei so kontrolliert wie möglich und so chaotisch
wie nötig vorzugehen.“ Komposition und Akzente etwa sind genau
kalkuliert, gleichzeitig überlässt Nicole Bianchet die Spuren im
gekräuselten Karton der Arbeiten auf Papier sich selbst. Diese kleinen
Zeichnungen „versiegelt“ sie nach Außen: die letzte der vielen
übereinandergelegten Schichten ist harter Schellack. Ähnlich einem
Gemälde von Caspar David Friedrich oder einem Gedicht von Joseph von
Eichendorff bilden Bianchets Landschaften nicht die Realität ab.
Bianchets Werke sind innere Bilder. Viele betitelt sie wie
Gedichtverse, manchmal zeigen die Bilder Phrasen aus Bianchets eigenen
Songs. Auch die Übermalungen kunsthistorischer Vorlagen, die Zitate aus
Filmen, die Wortspiele im Titel und letztlich sogar die Unterlagen, auf
denen die Künstlerin malt, führen aus dem im Bild Dargestellten heraus
und schaffen eine Vielzahl neuer Assoziationen und Blickpunkte. Im
Zusammenspiel entsteht ein Kosmos seelischer Befindlichkeiten, in dem
Sehnsucht und Abgrund, Lieblichkeit und Zerstörung, Sentimentalität,
Aggression und Zerrissenheit gefährlich nah beieinander existieren.
Während ihrer Ausbildung (1995-2002) in Bildender Kunst an der
renommierten Karlsruher Kunstakademie (Meisterschülerin bei Gustav
Kluge) studierte Bianchet parallel Gesang. Viele ihrer Arbeiten
beziehen neben Malerei und Zeichnung auch Fotografie, Skulptur,
Installation und vor allem Musik ein. 2004 erhielt sie den
Debütantenpreis der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste
Karlsruhe. Bianchet nimmt kontinuierlich an Einzel- und
Gruppenausstellungen in nicht kommerziellen Institutionen in
Deutschland (u.a. Palais für aktuelle Kunst in Glückstadt), Europa
(u.a. Crac Alsace, Altkrich-F), USA (u.a. Black Dragon Society, Los
Angeles) und Japan teil.