Giorgio de Chirico gehört zu den zentralen Figuren der Kunst der 20. Jahrhunderts. Sein Werk hat einen die Epoche prägenden Charakter und lässt sich mit der Bedeutung des Werkes von Picasso gleichsetzen. „Denn zwei Tatsachen beherrschen die Kunst des 20. Jahrhunderts: Die Erscheinung Picassos und die Erscheinung de Chiricos. Der hieroglyphische und ideographische Stil von Pablo Picasso drückt das Nahen des orientalischen Geistes und das Versiegen der antiken Inspirationsquellen aus. De Chirico, das ist das mediterrane Europa, das sich des Dramas seines Schicksals bewusst ist und, auf sich selbst zurückgezogen, Bilanz seiner gloriosen Vergangenheit zieht.“ (Waldemar George, 1927)
1888 in Volos, Griechenland als Sohn italienischer Eltern geboren, ist de Chirico der Wegbereiter der „Pittura Metafisica“, der sogenannten Metaphysischen Malerei, die weitreichenden Einfluss hat auf die Stilentwicklungen von Surrealismus, Neuer Sachlichkeit und Magischem Realismus.
De Chirico studierte Zeichnung und Malerei zunächst in Athen und später an der Akademie der Bildenden Künste in München. Dort beschäftigte er sich mit der symbolistischen Malerei Arnold Böcklins und den Traumbildern Max Klingers. Gleichzeitig übte aber auch die Lektüre der Philosophen Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche großen Einfluss auf ihn aus, insbesondere Nietzsche mit seinen Beschreibungen von gespenstisch leeren Plätzen in Turin, umsäumt von Arkaden und Statuen.
De Chiricos traumähnliche Stadtansichten sind von einer befremdlichen Atmosphäre der Stille und Verlassenheit geprägt und werden nur von Statuen, figurbildenden Schatten und den so genannten „manichini“ (Gliederpuppen) belebt. Später fügte de Chirico das traumhaft unbewusste Element in seine Kompositionen, indem er Details wie Uhren, Eisenbahnen und verfremdete Glieder in surreale Beziehung zueinander setzt.
Nach einem längeren Aufenthalt in Paris kehrte de Chirico 1915 nach Italien zurück und gründete 1916/17 mit seinem Bruder Alberto Savinio sowie dem italienischen Futuristen Carlo Carrà die „scuola metafisica“, eine Strömung, die den Stil der Surrealisten um ein Jahrzehnt vorwegnahm.
In dieser Zeit entstehen de Chiricos Hauptwerke dieser Stilphase. In den folgenden Jahren distanziert sich der Künstler von seinen metaphysischen Arbeiten. Er wendet sich dem Novecento zu und erlernte in Rom und Florenz die altmeisterliche Technik der Tafel- und Temperamalerei. 1925 zieht de Chirico wieder nach Paris. Dort finden seine metaphysischen Werke höchste Anerkennung bei den Surrealisten.
De Chirico lebt von 1930 an abwechselnd in Florenz, Mailand und Paris und lässt sich 1944 endgültig in Rom nieder. In den fünfziger und sechziger Jahren greift er häufig auf seine metaphysische Stilphase zurück und führt die Folge der Selbstbildnisse weiter aus.
Der bedeutende Werkkomplex der Selbstbildnisse de Chiricos, meist in historischen Kostümen, ist vom Künstler ironisch intellektuell konzipiert, verrätselt und mit nahezu unentwirrbaren Querverweisen kurzgeschlossen. In ihnen wird nicht die großartige Malerei der Alten Meister glorifiziert, sondern ihr unumstößliches Zuendesein in einer spielerisch melancholischen Spiegelfechterei niedergeschrieben. Als Cindy Sherman 1990 ihre „History portraits“ fertigte, die ebenfalls eine Reise durch die Kunst der Vergangenheit in historischen Verkleidungen darstellt, hatte de Chirico Jahrzehnte zuvor dieselbe Thematik virtuos abgehandelt.
1978 stirbt Giorgio de Chirico in Rom. Sein römisches Wohnhaus dient seit 1999 als Museum und zeigt eine Werkschau des Künstlers. Werke von de Chirico werden in zahlreichen international bedeutenden Museen und Galerien gezeigt. Seine Arbeiten waren auf den ersten drei documentas zu sehen. 1974 wird er in die Pariser Académie des Beaux-Arts gewählt und erhält 1976 das Große Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland.
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen.